• Margret Resch

Kirschkoch-Drabble-Trilogie

Aus der Mitte schöpfen.

Wir sitzen um den Tisch, zu fünft, zu sechst, zu siebt, je nachdem, wie viele Kinder gerade zuhause sind und ob man auch den mitzählt, der jeden Tag unisono eingeladen wird: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast…“

Das Kirschkoch kommt. Die Löffel sind gezückt. Teller brauchen wir nicht.

Wir schöpfen aus der Mitte, aus dem Vollen.

Der perfekte Löffel Kirschkoch besteht aus cremigem, sämigem Koch, einer saftigen heißen Kirsche und zerlassener Butter.

Nicht jeder Löffel Kirschkoch ist perfekt.

Aber für die, die es sind, nimmt man die anderen gern in Kauf.

So ist das Leben.


Jedes Familienmitglied hat seinen Platz am Tisch und dementsprechend auch einen Bereich in der Kirschkochpfanne, der ihm zusteht. Da werden mit den Löffeln Grenzen ausgelotet und verteidigt.

Das richtige Maß ist eine hohe Kunst beim Kirschkochessen: Ich muss gut auf mich schauen, sonst komme ich zu nichts. Ich kann aber auch nicht nur auf mich schauen, denn die Wahrheit kommt auf den Tisch.

Abgerechnet wird am Schluss: Wer hat die meisten Kirschkerne vor sich liegen?

Natürlich das Familienoberhaupt. Das wird nicht in Frage gestellt, im Gegensatz zum Geschwister-Ranking. Wer hat gegeiert? Wer schaut durch die Finger?

Leben und leben lassen.


Das Beste kommt zum Schluss: die „Prinzen“. Das ist die leicht angebrannte Kruste am Boden der Pfanne. Die Belohnung dafür, dass alles aufgegessen wurde. Eine Rarität.

Es geht noch einmal um Alles oder Nichts… oder um das „Dazwischen“:

um den Teil, der mir zugedacht ist.

Das war’s.

Wir danken noch dem Herrn Jesus Christ, dass er unser Gast gewesen ist. Amen.


Nachklang…

Ich bin satt. Gut genährt. Dankbar.

Das Kirschkoch war nie meine Lieblingsspeise.

Ich habe es auch noch nie für meine Kinder gekocht.

Aber ich habe verinnerlicht und kann veräußerlichen, was ich damals gelernt habe:

AUS DER MITTE SCHÖPFEN.


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